Zu mir und warum ich meine Heimat trotz Reinald Grebe immernoch mag

Ja, ich bin ein Kind der DDR. Eine Geisel der Zeit. Ein Opfer des Terrorregimes. So oder ähnlich würde ich mich heute gut der Politischen Macht verkaufen; Als Drei-Jähriger Widerstandskämpfer, der das SED-Regime bekämpft hat; Und zwar mit Schnuller und vollgemachten Windeln. Immerhin hat es ein Frau mit ähnlicher Vergangengheitssicht auf den Posten des Regierungschefs gebracht.

Aber ich will kein Politiker werden und kann´s zugeben: An diese Welt kann ich mich nicht so genau erinnern. Nur, dass ich die ersten 3 Jahre meines Lebens hinterm `Eisernen Vorhang` verträumt habe, weiß ich jetzt. Daran hat wohl eher das tierische Bewusstsein Schuld, in welchem sich Säuglinge so tummeln, als die Mauer. Nicht darüber zu schreiben, hinterlässt vieleicht den Eindruck der Unfähigkeit ein guter Geschichtsschreibber zu sein.  Historiker berichten ja von pre-autobiografischen Zeiten als wären es die ihrigen. Ich aber halte davon nichts und fang deshalb nur mit Bruchstücken meiner Vergangenheitserfahrungen an.

Ein bissl dunkel, und irgendwie spannend fand ich die Bilder aus dem Fernsehen schon. Ich blicke zurück ins Jahr 1989. Hellblaue Hüfthosen und Dauerwellen tanzten auf vollgesprühten Mauern mit Sektgläsern in der Hand. Für mich als Dreijährigen war das wohl nicht mehr als ein großes Fest, das im Fernsehen gezeigt wurde. Was Mediales angeht, zeigt mir die nächst-frühe Erinnerung Satiren auf Helmut Kohl. Das muss so zwischen 93′ und 96′ gewesen sein. Da war der nur so beliebt wie kurz vor der Wende. So ein Schicksaal wiederfuhr einem Politker unter dem Menschen nur manchmal, wenn er sein ganzes Schwergewicht auf dem Ansehen eines Geschehens stützte, das auch ohne ihn stattgefunden hätte. Bei einem Mann wie Helmut Kohl wohl ziehmlich erdrückend.

Es war April, der 23. 1986, als ich kam. Nicht der beste Geburtsmonat in diesem Jahr. Drei Tage nach dem ich durch das Licht der Welt angesstrahhlt wurde, erhellte ein grelles Licht den nächtlichen Himmell über der Ukraine. Während dieses Ereignisses lag ich wahrscheinlich schlummernd in meinem Baby- Bett und genoss paradiesiesche Träume.Verpassen konnte ich indes eh nichts, da die sowjetische Regierung, wohl an alle schlummernden Babies dieser Welt denkend, noch einmal dreitage verstreichen ließ, bis sie den Rest der Welt von dem Raeaktorunglück in Tschernobyl berichtete.

Für die Bürger der DDR hatte das Unglück aber auch seine Vorzüge. So konnte man beispielsweise im Grenzgebiet Sachsen-Anhalts zum Westen mit kulinarischen hoch energetischen Obstspezialitäten der Güterklasse A aus der Ukraine fast kostenlos genießen. Viele der ursprünglich zum Export bestimmten Nahrungsgütergüter aus der Ukraine  weckten im goldenen Westen kein Interesse mehr. So dachte sich die optimistische sozialistische Einheitsregierung der DDR getreu des Mottos – “Aus Scheiße Gold machen” – verteilen wir den Spaß doch einfach an unsere sozialistischen Bürger. Vielleicht werden ja ein paar Actionhelden erschaffen.

Ja soviel zur Atomtechnologie. Obwohl im Osten keine Kernenergie produziert wurde, wäre mancher Ort dennoch Betätigungsfeld von Greanpeace geworden. Der Himmel über meiner Heimatstadt soll mal so schwarz gewesen sein, das man das Gebiet einfach “Das schwarze Loch” genannt hat. Die Rede ist von der Braunkohle-und Textil-Stadt Cottbus. Vielleicht haben Sie den Namen auch schon mal gehört. Spätestens seit dem Erst-Liga-Aufstieg von “FC Energie Cottbus” konnte der logische Rückschluss durchaus geführt werden, dass Cottbus nicht außerhalb sondern innerhalb der deutschen Staatsgrenze liegt. Trotzdem will ich es noch einmal klarstellen:

- Erstens: Es gibt keine Sonderregelung für eine polnische Fußballmannschaft in der deutschen Bundesliga zu spielen.

- Zweitens: Cottbus liegt nicht in Polen aber auch nicht in Sachsen!

- Drittens: Cottbus liegt in Südbrandenburg…

- Viertens: und damit tief in der Klemme.

Es gibt erhöhte Arbeitslosigkeit, sanierte sowie unsanierte Plattenbauten, Alkoholsüchtige Oberbürgermeisterinnen und eine ausgeprägte Proletenkultur unter den Jugendlichen. Vom Jugendstil bis zu vielen Jugendlichen ohne Stil können Besucher der Stadt durchaus berichten ohne zu lügen oder mich verletzen zu können. Aber in Cottbus herrscht etwas vor, dass in vielen andern Plätzen auf der Erde vielleicht nicht so ausgeprägt ist, wie hier. Das führt dazu, dass man diesen Ort lieben lernen kann, und ich möchte erzählen, wie das geht.

Vor kurzem war ich in Frankfurt am Main. Über den Gehsteigen, auf denen Menschen nicht unoft mit Spritztbesteck neben sich ligen, ragen hohe, majestetisch-saubere Bankgebäude in den Himmel. Ich war in vielen Bars und Kneipen unterschiedlichster Coleur. Nirgends habe ich dabei Menschen zusammensitzen sehen, die wirtschaftlich unterschiedlichener Stellung waren. In Cottbus dafür schon. Spätestens am Weihnachtsfeiertag, kurz befor der Weihnachtsbraten serviert wird, trifft sich Hinz und Kunz im Bistro um Frühzushoppen. Soziale Stellung ist dabei recht gleichgültig. Ob Kfz-Mechaniker oder Chef eines riesigen Unternehmens – man stößt zusammen an. Der Cottbusser Seele würde es auch schwer fallen, Jemanden auf der Straße einfach im Heroinrausch verhungern zu lassen. Vielleicht ragen auch deshalb keine Bankgebäude in den Himmel dieser Stadt. Der nach außen ziemlich kühl wirkende Cottbusser hat schon  viele `Ausstäddter` erschrocken, ist aber direkt und wenns drauf ankommt, leistet er – so meine ich- in der Regel Hilfe.

Cottbusser Jugendliche
Cottbusser Jugendliche

Viele der nach außen bedrohlich wirkenden Prollos mit Tattoo sind eigentlich auch ganz in Ordnung. Einige davon befinden sich sogar unter meinen Bekannten. Es ist auch nicht schwer Jemanden über irgendwelche Ecken zu kennen, der Jemanden kennt, der einen Anderen schon mal gesehen hat. Nagut, das ist zugegebeneer Maßen oft so in Städten dieser Größe. Ich studiere momentan in Jena, das ungefähr genauso groß ist. Der Unteschied liegt in einem kleinen Punkt: Triffst Du in Cottbus Freunde von Freunden, bist Du auch deren Freund. Als ich neulich mit einem Studienkumpel durch Jena zog und dieser einen Freund von sich traf, fühlte der sich nicht einmal übel dabei, mich nicht zu beachten, geschweige denn dabei mir nicht seine Hand zu geben. In Cottbus würde man mit einer deartigen Mentalität schnell ins soziale Abseits geraten. Jena ist eben ein anderes Pflaster. Ich wohne mittler Weile fünf Jahre in dieser Stadt. 27 Tausend Studenten machen hier fast 30 Prozent der Einwohner aus. Dass heißt: Kommen und gehen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es in der Saalestadt so unheimlich schwer ist, jedem neuen Kontakt gleich Beachtung zu schenken. Natürlich liebe ich auch Jena und an sozialen Kontakten mangelt es hier kaum.

Cottbusser Jugendstil
Cottbusser Jugendstil

Ich verzichte mal bewusst darauf, mit tollen Sehenswürdigkeiten zu bestechen, die Cottbus zu bieten hat: Der Spreewald, Der BUGA-Park, Die Jugenstilarchitektur, das über 100-Jährige Jugendstiltheater, dass um einiges schöner ist als das berühmte Weimarer Nationaltheater oder der zweitälteste noch in Betrieb laufende Kinozweckbau Europas und und und.

Das Studim hat mich trotzdem von meiner Mutterstadt getrennt und ich war damals sogar äußerst  froh vom Provinziellem weg zu gehen. Jena ist wirklich ein anderer Horizont, wenn auch trozdem irgendwie Provinziell. Die Stadt, in der einmal Goethe und Schiller wirkten, Herder, die Schlegels lebten, der Ort in welchem die Legende von Napoleon hausierte, nach der dieser kurz bevor er das deutsche Reich in der Doppelschlacht von Jena-Auerstedt bezwung, selbst mit angepackt haben soll, um das Kriegsgerät auf die umliegenden Hügel zu schleppen.

Das fasznierte mich natürlich sehr, obwohl ich im Rückblick sagen muss, dass eines in beiden Städten vorhanden war: Menschen, die sich die Gesichter für immer entstellten. Die Einen in Fechtkämpf und die andern im Solarium.

Die Gesichtsentstellten in Jena nennen sich Burschenschaftler. Und die gegenseitige Orgie der facialen Verstümmlung wird hier unter dem Namen Mensur verrichtet und gilt in Studentenverbindungen als Reifeprüfungen. Diese Verbindungen haben in Jena eine glorreiche Vergangenheit. Die Jenaer Urburschenschaft hatte vor rund 200 Jahren den mutigen Versuch gestartet den damals zersplitterten Nationalstaat zu überwinden. Heute ist von diesem Progessivismus leider nicht mehr viel zu spüren. Anstatt dessen begnügt man sich damit in der Verganheit zu leben. Ich bin keiner, der diese Leute verurteilen will, weil ich mein erstes halbes Jahr in einer solchen Vereinigung gelebt hatte. Wenn auch nicht als Mitglied sondern als geschichtlich Interessierter Nutznießer der im Vergleich günstigen Wohnmöglichkeit in Jena, das trotz seines horent hohen Mietspiegels als “Studentenparadies” in einer Werbekampagne auftritt.

Somit bleibt mir  rückschauend nur eines zu sagen: Cottbus wird mich, egal wo ich mich befinde, begleiten. Das viele Hässliche findet man an allen Plätzen der Welt, wenn auch in anderer Form. Oft war es die Sehnsucht nach Anderem, was im mich Leben dazu bewegt hat, an einem anderen Ort weilen zu wollen. Gerne würde ich in einem Lokalpatriotismus verharren, aber darauf kommt es mir Im Prinzip nicht an. In meinen bisherigen Lebnsjahren habe ich folgendes gelernt: Es ist zwar nicht ganz egal, wo man sich befindet, das Wichtige aber ist, dass man weiß, wer man ist. Auf keinem Ort dieser Welt hatte ich bis jetzt das Gefühl Jemanden kennengelernt zu haben, dem ich dieses Wissen zugetraut hätte. Vielleicht muss man das auch gar nicht zu seinem Glück, jemanden erst Treffen, der das geschafft hat. Und vielleicht wäre das auch nur wieder eine Illusion und wir sollten weiter an der irrationalen Idee davon haften, dass ein Ort besser als der andere oder eine Nation toller, als alle anderen ist. Wenn wir uns dann vielleicht mal wieder so lustig bekriegen und uns danach die Augen ausheulen, begreifen wir vielleicht: Überall auf der Welt leben Menschen.

Bistros am Cottbusser Altmarkt fürs Frühschoppen

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Auch im Regen schön - Feld bei Kolkwitz/Cottbus

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Schlosspark Lübbenau im Spreewald

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